Erfolg (1)

Geheime Aufzeichnungen eines Volljuristen

Liebes Tagebuch,

Erfolg ist, wie ich ja immer sage, ein ideologischer Begriff. Aber was heißt das genau? Ganz unbefangen kann man das Wort eigentlich nur in einem rein technischen Sinne verwenden: Es gibt ein konkretes Ziel, und wenn das erreicht ist, hatte man Erfolg. Wird das Ziel hingegen nicht erreicht, dann war man eben nicht erfolgreich. So wie z.B. jüngst der Trainer von Bayern München, der aufgrund einer 0:3-Pleite in Paris seinen Job verlor, obwohl er noch vor wenigen Monaten mit seiner Mannschaft die deutsche Meisterschaft gewonnen hatte und eigentlich auch sonst fast immer siegreich gewesen ist. Aber das Ziel war in diesem Fall noch deutlich ambitionierter: Als Trainer einer so teuren Mannschaft voller Superstars, ist es seine Aufgabe, grundsätzlich jedes Spiel zu gewinnen. Und genau das ist dem geschassten Bayern-Übungsleiter nicht gelungen. Doch schon beim Fußball liegt der Erfolgt nicht nur im Ergebnis. Hätte die Mannschaft ein starkes Spiel hingelegt, wäre sie begeisternd aufgetreten und hätte nur durch unglückliche Umstände den Sieg verpasst, dann hätten die Vereins-Bosse vermutlich noch etwas länger an ihrem Trainer festgehalten…

Beim beruflichen Erfolg (also jenem außerhalb des professionellen Sports), und erst recht beim Erfolg im Leben überhaupt, ist es aber noch weitaus komplizierter. Wer, sagen wir, einen hochbezahlten Job antritt, der ist oberflächlich betrachtet zweifellos beruflich sehr erfolgreich. Wenn diese Tätigkeit dann auch noch als erfüllend und sinnvoll empfunden wird und Freude bereitet, ohne über alle Maßen anstrengend zu sein, dann liegt darin ein noch viel größerer beruflicher Erfolg. Doch selbst dann (oder gerade dann) kann gleichzeitig leicht die Partnerschaft in die Brüche gehen, oder der Raubbau an der eigenen Gesundheit macht sich bemerkbar. Es kommt immer darauf an, wie man Erfolg definiert. Und im menschlichen Leben bringt der Erfolg auf der einen Ebene ja gar nicht so selten vollkommene Misserfolge auf einer oder sogar mehreren anderen Ebenen mit sich. Mitunter kommt einem sogar alles wie ein großes Nullsummenspiel vor, in dem man für den Vorteil auf der einen Seite mit ganz erheblichen Nachteilen auf der anderen Seite bezahlt. Die Erfolgs-Ideologie, wie ich sie nenne, besteht nun vor allem darin, diese Begleitumstände systematisch auszublenden und den Erfolg in einem rein technischen Sinne als allein seligmachendes übergeordnetes Prinzip zu überhöhen. Und hierbei habe ich nicht nur die schwer erträgliche einschlägige Ratgeber-Literatur im Blick, sondern leider auch die mentale Grundstruktur unserer Gesellschaft. Nein, keine Angst, jetzt kommt keine Klage über all die Übel des Kapitalismus. Selbst unsere abgehängtesten Verlierer müssen ihm nämlich nüchtern betrachtet dankbar sein für den ungeheuer hohen Lebensstandard, den wir hier und heute letztlich alle genießen können. Aber es erfordert schon eine große geistige Anstrengung, sich diese Erfolgsideologie mit allen ihren Auswüchsen dauerhaft vom Leibe zu halten, denn so viel ist sicher: Sie macht auf lange Sicht mehr oder weniger alle Beteiligten krank und unglücklich.

Und doch haben all die schrecklichen Ratgeber und Personaler in einem Punkte recht: Der Erfolg im rein technischen Sinne lässt sich mitunter tatsächlich durch gezielte Anstrengung zumindest in Teilen forcieren, wobei es aber ganz entscheidend darauf ankommt, ihm keinen zu großen Stellenwert im eigenen Leben einzuräumen. Darin liegt ein maßgeblicher Grundsatz der Lebensklugheit. Mehr darüber gibt es im nächsten Tagebucheintrag…

Dein Johannes

Veröffentlicht von on Okt 2nd, 2017 und gespeichert unter JOHANNES, LIEBES TAGEBUCH. Sie können die Kommentare zu diesem Beitrag via RSS verfolgen RSS 2.0. Gehen Sie bis zum Ende des Beitrges und hinterlassen Sie einen Kommentar. Pings sind zur Zeit nicht erlaubt.

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